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Erfahrungsbericht - Thalias Au Pair Zeit in Schottland

Thalia verbrachte ein Jahr als Au Pair in Schottland und teilt ihre Erfahrungen mit euch.

Au Pair Schottland

"Die meisten Erfahrungsberichte über Auslandsjahre fangen an mit einer Floskel, wie "Mein Auslandsjahr war das beste Jahr meines Lebens" oder "die beste Zeit meines Lebens", aber ich finde solche Aussagen immer sehr schwierig, denn woran misst man, wann man die beste Zeit hat? Zu sagen, mein Auslandsjahr war die beste Zeit meines Lebens, würde der ganzen Situation nicht annähernd gerecht. Das Jahr war völlig verrückt – im besten Sinne. Ich habe so viel erlebt, so viele neue Leute kennengelernt, so viele neue Orte gesehen, die besten Freunde gefunden und war einfach glücklich. Und dann gab es Tage, an denen ich mein Zuhause vermisst habe. Tage, an denen ich überfordert war. Mich alleine gefühlt habe. Tage, an denen ich nicht wusste, wo mir der Kopf steht. Wenn ich jetzt im Nachhinein jedoch zurückblicke, bin ich stolz, weil ich merke, wie sehr das Jahr mich verändert hat und wie sehr ich über mich selbst und meine persönlichen Grenzen hinausgewachsen bin. Ich sehe jetzt, dass sich für jedes noch so kleine oder große Problem eine Lösung finden lässt, dass ich immer einen Weg finden kann und vor allem, dass ich niemals alleine bin, egal, wo auf der Welt und in welcher Situation ich mich gerade befinde. Und alleine dafür hat sich der lange Weg gelohnt. Und sind wir mal ganz ehrlich, die guten Tage haben die nicht so guten bei weitem überwogen!

 

Ich bin Thalia, komme aus Deutschland und habe das letzte Jahr als Au Pair in Edinburgh, in Schottland verbracht. Meine Gastfamilie dort hatte drei Kinder im Alter von sieben bis dreizehn Jahren und zwei kleine Hunde. Vom ersten Tag an, als ich dort angekommen bin, habe ich mich wie zuhause gefühlt und das nicht zuletzt, wegen dieser tollen Menschen. In jeder Situation haben sie sichergestellt, dass ich mich wohlfühle und glücklich mit meinen Aufgaben und meinem Umfeld bin. Darüber hinaus  haben sie mich von Anfang an, als Teil ihrer Familie behandelt und mich, soweit ich es wollte, mit einbezogen – ob bei Spaziergängen oder Ausflügen zum Strand am Wochenende, bei Filmabenden oder Kinobesuchen, bei Spielenachmittagen, bei Familienfeiern, beim gemeinsamen Kochen oder bei Karaokeabenden. Zu Weihnachten haben sie extra für mich eine kleine Weihnachtsfeier organisiert, um mir die britischen Weihnachtsbräuche nah zu bringen, wobei die typischen "christmas cracker" oder das schottische "Haggis" natürlich nicht fehlen durften. Zu Ostern haben wir nach der Ostereiersuche alle zusammen ein Kuchen-Osterlamm gebacken, weil ich erzählt habe, dass das in meiner Familie Tradition hat. Und meinen Geburtstag  haben wir alle zusammen gefeiert. 

 

Als Schottland im März dann Corona-bedingt in den Lockdown gegangen ist, haben meine Gasteltern mir freigestellt, ob ich zurück heim zu meiner Familie gehe oder bleibe. Ich hatte schon immer ein ziemlich gutes Verhältnis zu meiner Gastfamilie, wie eng ich jedoch nach mehr als vier Monaten Lockdown mit ihr war, ist schwer zu beschreiben. Genauso, wie das Gefühl nach diesem Jahr zurück nach Hause zu fliegen.  Noch heute, nachdem ich schon fast drei Monate wieder in Deutschland bin, finde ich es schwer in Worte zu fassen, was in diesem Moment in meinem Kopf vorging. Es war, als würde ich mein  Zuhause verlassen, um nach Hause zu gehen. Als würde ich mich von meiner Familie verabschieden, um meine Familie nach so langer Zeit wieder zu sehen. Der Gedanke daran, an mehreren Orten auf der Welt zu Hause zu sein fühlt sich noch immer faszinierend an.

 

Wenn mich heute jemand fragt, was meine liebste Erinnerung an die Zeit in Schottland ist oder ob ich einen Lieblingstag dort hatte, dann habe ich da ehrlicherweise keine Antwort drauf. War es der Tag, an dem ich mit meinen besten Freunden um das Loch Ness geritten bin, immer auf der Suche nach Nessie? Oder mein erstes Eishockey-Spiel gesehen hab, völlig fasziniert, von der Atmosphäre im Stadion? Oder der Tag, an dem wir abends auf einen Berg vor Edinburgh gestiegen sind, um das Feuerwerk über der Stadt zum Ende des Fringes zu sehen? Oder der Tag, an dem wir das erste Mal Wildcampen gegangen sind? Oder als wir einen Roadtrip quer durchs halbe Land gemacht haben? Oder das Gefühl, als wir nach stundenlangem Wandern bei -10° endlich den Gipfel des Ben Nevis Bergs erreicht haben? Oder den ganzen Tag über eine kleine Insel zu wandern, ohne eine Menschenseele zu sehen? Oder war es einer der vielen Momente, in denen wir uns den schottischen Wind in den Highlands um die Nase haben wehen lassen und es uns nicht überrascht hätte, wäre im nächsten Moment ein Troll oder eine Fee hinter dem nächsten Berg hervorgekommen.  Vielleicht ist meine Lieblingserinnerung aber auch die Erinnerung an das Gefühl, das ich jedes Mal verspürt habe, wenn wir sonntags abends, nachdem wir wieder das ganze Wochenende verreist gewesen sind, aus dem Bahnhof in Edinburgh gekommen sind und das im Dunkeln beleuchtete Scott Monument unterhalb des Edinburgh Castles gesehen haben. Das Gefühl zu Hause angekommen zu sein.

 

Manchmal höre ich jetzt ein Lied, ein Wort oder einen bestimmten Ausdruck, sehe ein Bild, eine Pflanze oder rieche einen bestimmten Geruch und plötzlich ist alles wieder da. Plötzlich bin ich wieder die Person, die ich in Schottland gewesen bin und die ständig kleine oder große Abenteuer erlebt hat. Ich hoffe, dass mich all die Erinnerungen, die mich so sehr geprägt haben, noch sehr lange begleiten!

 

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich jederzeit und ohne zu zögern wieder die gleiche Entscheidung treffen und als Au Pair nach Edinburgh ziehen würde, wäre ich nochmal in der gleichen Situation.

 

Chì mi thu a dh 'aithghearr, Scotland!

(= Bis bald, Schottland!)

 

Thalia"